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Interview mit Martin Przewloka: "Unsere komplexe Welt wird durch KI beherrschbarer"

Mit seinem Team und der Unterstützung von Alcedis hat Prof. Dr. Martin Przewloka eine App entwickelt, die mitihlfe künstlicher Intelligenz Berufskrankheiten von Arbeitnehmern frühzeitig erkennen soll. Im Interview zeigt der Wissenschaftler die Chancen von KI auf und warum sie für eine moderne Welt unverzichtbar ist.

 

Über Martin Przewloka und das Projekt:

Der Wissenschaftler, Unternehmer und Industriemanager Prof. Dr. Martin Przewloka gründete 2018 das Institut für digitale Assistenzsysteme, um Entwicklung, Lehre und Forschung in diesem Bereich voranzutreiben. Mit seinem Team entwickelte Przewloka eine App, die die Risiken von Berufskrankheiten erkennen und Präventionsmaßnahmen vorschlagen soll. Alcedis unterstützte das Projekt in der Entwicklung und Ausführung. Für diese Innovation gewann das Team in diesem Jahr den Hauptpreis eines Ideenwettbewerbs des Bundesarbeitsministeriums.

 

Prof. Przewloka, seit 2018 betreiben Sie das Institut für digitale Assistenzsysteme. Wie verbessert eine künstliche Intelligenz den Alltag von Menschen?

"Die Globalisierung verändert die Welt, sie wird komplexer und aufwendiger. Waren und Dienstleistungen der Industrie sind überall verteilt, werden jederzeit benötigt. Die Koordination eines globalen Lieferkettensystems etwa ist umfangreich. Ein Mensch kann das allein nicht mehr bewältigen. In diesem Moment hilft eine datenbasierte algorithmische Lösung, Unvorhersehbares im Vorfeld zu erkennen und zu kalkulieren. Eine künstliche Intelligenz lässt sich gut mit einem Taschenrechner vergleichen: Es handelt sich um ein Assistenzsystem, das den Menschen unterstützt, aber nicht ersetzt. Das spiegelt sich auch im Namen des Instituts wider. Ich sehe KI als eine Hilfestellung."

 

Ihr Institut hat kürzlich mit einem Projekt zur Prävention von Berufskrankheiten den Ideenwettbewerb des Bundesarbeitsministeriums gewonnen. Welches Ziel verfolgt dieses KI-Projekt?

"Mithilfe einer künstlichen Intelligenz sollen Krankheiten und sich anbahnende gesundheitliche Probleme im Berufsalltag frühzeitig erkannt und Gegenmaßnahmen getroffen werden. Zwar unterscheidet sich jeder Mensch mit seinen Vitalwerten und seiner körperlichen Konstitution, aber es gibt Einflussfaktoren, die uns alle prägen. Dazu gehören bestimmte Haltungsformen, Bewegungsarten, Schlaf, Stress oder der Weg zur Arbeit. Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Berufskrankheit wie beispielsweise einem Bandscheibenvorfall, Burnout oder Augenproblemen. Die KI kennt diese Faktoren aus wissenschaftlichen Studien und schließt sie in ihre Berechnungen ein."

 

Und wie lassen Sie persönliche Faktoren wie Vorerkrankungen oder sportliche Aktivität einfließen?

"Neben den allgemeinen Daten wird die individuelle Konstitution eines jeden Teilnehmers erhoben. Dafür nutzen wir zum Beispiel Fragebögen, die Informationen wie gesundheitliche Beschwerden, Wohlbefinden und Basisdaten wie das Alter, Körpergröße und Gewicht abfragen. Danach wird die künstliche Intelligenz mit den individuellen Daten und generischen Informationen aus Wissenschaft und Medizin gefüttert. Sie analysiert mithilfe von maschinellem Lernen die Werte, vergleicht und errechnet einen Score, der das persönliche Risiko für eine Erkrankung anzeigt und Gegenmaßnahmen vorschlägt."

 

Was unterscheidet Ihre App von einem Fitness-Tracker?

"Unsere App lobt oder moniert keine Echtzeit-Werte, sie fordert niemanden auf, sich mehr zu bewegen. Vielmehr erhalten Nutzer am Ende eines Tages ein Resümee ihrer körperlichen Bewegungsabläufe und erste Tipps, wie sie diese optimieren können. Je länger sie die App nutzen, umso mehr Informationen werden erhoben und umso besser analysiert die KI, was ihnen guttut und wie sie gesund bleiben können."

 

Welche Berufsgruppen nehmen Sie in den Fokus?

"Während der Corona-Pandemie sind eine Vielzahl an Heimarbeitsplätzen entstanden, diese werden wir zuerst untersuchen. Wir erheben, wie lange eine Person an ihrem Computer arbeitet, wie oft sie sich bewegt, ob sie im Stehen oder Sitzen tätig ist oder wie viele Pausen sie einlegt. Zudem können wir auch bestimmte Krankheitsbilder untersuchen wie etwa die sogenannte „Maus-Hand“. Betroffene klagen über Schmerzen in Fingern und Händen, die bis in die Schulter ziehen können, bei anderen schläft die Hand ein. Wir können unsere App auch mit weiteren Geräten koppeln: In diesem Fall würden wir die Mausspur am Computer aufzeichnen und die Bewegungen der Hand mit einem Wearable erheben. Durch die Kombination dieser Daten erkennen wir, wie ein Betroffener das Gerät benutzt und was er tun kann, um sein Problem zu lindern."

 

Was ist das Ziel Ihrer App?

"Wir wollen Haltungsschäden und psychische Erkrankungen verhindern, Sinnesorgane wie Augen und Ohren schonen. Erste Vorstudien für das Projekt stimmen uns zuversichtlich. Bis Ende des Jahres erhalten wir noch unser Preisgeld als Förderung vom Bundesarbeitsministerium. Danach wird entschieden, wie das Projekt weiter finanziert und damit finalisiert wird."

 

Für die Vorstudien arbeiteten Sie eng mit Alcedis zusammen. Wie unterstützte die CRO Ihr Projekt?

"Innerhalb unserer Vorstudien konnten wir Auswertungsalgorithmen im Zusammenhang mit medizinischen Studiendaten, an denen Alcedis mitgewirkt hatte, nutzen, um damit unsere künstliche Intelligenz und den Algorithmus weiterzuentwickeln. Zudem unterstützte uns das Team der Alcedis fachlich bei der Konzeption der KI und der Umsetzung des maschinellen Lernens."

 

Viele Menschen nutzen KI unbewusst im Alltag, etwa wenn sie in ihr Auto steigen oder einen Blick auf ihren Schrittzähler werfen. Wie schätzen Sie das Interesse für Ihre App ein?

"Ich setze auf die Neugier der Menschen und ihr Vertrauen. Wer erkennt, wie unsere App seine körperliche Konstitution analysiert und verbessert, wird das Produkt nutzen und dabeibleiben. Zudem garantieren wir den Schutz der persönlichen Informationen. Alle Individualdaten bleiben auf dem Gerät der Nutzer und werden dort ausgewertet."

 

Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen sind in den vergangenen Jahren immer mehr in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft angekommen. Lesen Sie hier, welche Chancen die Technologie bietet.

 

Trotzdem fällt Menschen besonders im medizinischen Bereich der Gedanke oft schwer, ihre Daten einer KI zur Verfügung zu stellen.

"Und ich habe volles Verständnis dafür. Der Mensch hinterfragt jede Veränderung, wittert dahinter einen Kontrollverlust. Aber eine künstliche Intelligenz ist lediglich eine Weiterentwicklung der Informatik. Sie erkennt Zusammenhänge und trifft aufgrund von Daten Entscheidungen. Wir sollten die KI als Werkzeug verstehen, das Arbeitsschritte einfacher und effizienter gestaltet. Natürlich ist die KI augenscheinlich rechentechnisch massiv leistungsfähiger als der Mensch, aber sie wird uns nie ersetzen, weil der Mensch am Ende immer die Kontrolle über die Prozesse hat. Wir sollten den Nutzen der Prozesse erkennen: Unsere komplexe Welt wird durch Innovationen wie KI beherrschbarer. Vor allem in Deutschland beobachte ich, dass sich Gesellschaft und Politik bei der Nutzung neuer Technologien oft selbst im Weg stehen. Als Wissenschaftler empfehle ich, Innovationen schneller auszuprobieren und anschließend kritisch zu reflektieren. Sonst besteht die Gefahr, dass wir von anderen Nationen wie China überholt und abgehängt werden."

 

Wie wird eine künstliche Intelligenz in unserer Gesellschaft ethisch richtig genutzt?

"Diese Diskussion ist immer davon abhängig, in welchem Wertesystem ich lebe. Die Beantwortung dieser Frage wird in einem Land wie China anders ausfallen als in Deutschland. Ich finde, solange der Mensch weiterhin die Kontrolle über Innovationen behält, ist auf dem Weg zum Ziel ein gewisser Grad an Verantwortungsabgabe an ein digitales System absolut in Ordnung. Wobei die Unversehrtheit des Individuums immer über allem stehen muss: Niemanden darf bei der Nutzung neuer Technologien wie KI ein Schaden entstehen. Die Würde des Menschen ist unantastbar."

 

„KI ist die Zukunft klinischer Studien“, sagt Jascha, Produktmanager Datenanalyse bei Alcedis. Lesen Sie hier das Interview mit ihm.

 

Text: Alcedis-Redaktion